Brauchtum 2: St. Martin

Und es geht weiter mit der Aufschlauung unserer Besucher über die Bräuche in Woffelsbach. Franz-Josef Schröder hat wieder im Internet und in seiner Erinnerung recherchiert:

Allgemeines

Zum Martinsumzug zeigt sich ein Reiter im traditionellen Sankt-Martins-Kostüm. (Foto:Die Zuckerschnute)

Am 11. November ist Martinstag! Dieser Tag ist gespickt mit Bräuchen und Traditionen rund um den heiligen Sankt Martin. Doch wer war der Mann, dem wir Jahr für Jahr bunte Laternenumzüge und saftige Gänsebraten zu verdanken haben?

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Martin (von Tours) lebte als Sohn eines römischen Offiziers in der Zeit von 317 bis 397 nach Christus. Er war überall im Land für seine Großzügigkeit bekannt und beliebt. Die am besten überlieferte Geschichte ereignete sich an einem Februarmorgen, als der damals 22jährige Martin mit seinem Burschen von einem nächtlichen Ritt heimkehrte. Es war ein harter, kalter Wintertag und ein heftiger Schneesturm blies den Reitern ins Gesicht. Am Stadttor tauchte ein zerlumpter Bettler auf, der vor Kälte zitternd kaum noch die Worte für eine milde Gabe erbat. Da Martin gerade schon seinen ganzen Sold an arme Bauern verschenkt hatte, damit sie ihre Steuern zahlen konnten, hatte er nichts Weiteres als das was er auf dem Leibe trug. Kurzerhand nahm er einfach seinen weiten Mantel und teilte ihn mit seinem Schwert. Die eine Hälfte warf er dem Bettler über die Schultern, damit dieser nicht mehr frieren musste.

Die Legende sagt weiter, dass man Martin kurze Zeit später zum Nachfolger des verstorbenen Bischofs von Tours machen wollte.  Doch Martins Bescheidenheit war so groß, dass er sich im Gänsestall versteckte: In der Dunkelheit suchten sie ihn deshalb mit Laternen, einige stimmten Lieder an. Erst als die Gänse sich laut über den Eindringling beschwerten, entdeckte man Martin schließlich. 371 nach Christus wurde er Bischof von Tours. Das Andenken an ihn überdauerte die Jahrhunderte: Und so folgt man noch heute mit Liedern und Laternen dem „Martinsmann“ und lädt anschließend zum „Gänseessen“.

 Wie , wo und wann in Woffelsbach

– Die Vorbereitung

Die Vorbereitungen zu St. Martin beginnen schon im Spätsommer. Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr organisieren den Bau des Martinsfeuers (nehmen Kontakt mit Grundstücks- bzw. Waldbesitzern auf, bestellen den Reiter (St. Martin)), bereiten die Verlosung vor und melden den Umzug an. Beim Bau des Martinsfeuers wird eine Woche vor der Veranstaltung schon das Dreibein, das als Grundgerüst unseres Feuers dient, errichtet. Dieses wird dann am Folgesamstag, an dem auch der Umzug stattfindet mit weiterem Reisig bis in die Spitze gefüllt. Das Woffelsbacher Martinsfeuer ist mit einer Höhe von ca. 11 bis 12 Metern (dieses Jahr nur 9 Meter) eines der größten im Rurseeraum und lockt jährlich viele Besucher von Nah und Fern an. Die  Flammen erreichen bei Windstille gut und gerne 30 Meter. Unterstützt beim Bau wird die Feuerwehr von aktiven Bewohnern der Ortschaft und der Jugendfeuerwehr. Ihnen gilt an dieser Stelle ein herzliches „Danke schön“. Jeder Woffelsbacher, egal ob „Eingeborener oder Zugezogener“ ist eingeladen, sich beim Bau des Martinsfeuers zu beteiligen. Wo und wann welche Aktivitäten geplant sind, wird zeitig in einem Aushang am Kindergarten dokumentiert.

– Der Umzug

Jährlich trifft man sich in Woffelsbach am Samstag (wenn 11.11.) oder dem ersten Samstag nach St. Martin, um gemeinsam mit Familie, Freunden und Gästen das Martinsfest zu begehen. Veranstalter des Martinsfestes in Woffelsbach ist die Löschgruppe der freiwilligen Feuerwehr. Begonnen wird mit dem Laternenumzug. Pünktlich um 18:00 Uhr geht die Feiergemeinde begleitet von der Musikkapelle „Rurseeklänge“, einem als St. Martin verkleideten Reiter und den Kindern des Kindergartens „Waldwichtel“ vom Kindergarten los. Mit selbst gebastelten Laternen und toll vorgetragenen Martinsliedern geht man dann zum Martinsfeuer. Der Zugweg erstreckt sich in der Regel über die Wendelinusstraße, den Promenadenweg, den Campingweg, die Seestraße bis zur Uferstraße. Unterhalb der Uferstraße wird am Seeufer das große Martinsfeuer abgebrannt.

Hier wird auch die von der Legende her bekannte Mantelteilung nachgestellt. Ein als Bettler verkleideter Mann nähert sich vom Rurseeufer her und bittet den Reitersmann um eine Gabe. Dieser Bitte kommt unser St. Martin gerne nach und teilt seinen Mantel, übergibt die Hälfte dem Bettler und nimmt ihn noch auf seinem Pferd mit. Nach diesem Schauspiel setzt sich der Zug dann wieder in Bewegung und man geht über die Uferstraße, Seestraße und Wendelinusstraße zum „Haus Rurseeklänge“. Nachdem die Kindergartenkinder, musikalisch begleitet von der Musikkapelle, noch einige Martinlieder zum Besten gegeben haben, werden anschließend die Weckmänner ausgegeben. Jeder Besitzer eines Gutscheins erhält aus Händen des St. Martin einen Weckmann. Die Gutscheine werden von der Feuerwehr zugestellt. Kostenlose Gutscheine erhalten:

1. Alle Kinder bis 12 Jahre mit erstem und zweitem Wohnsitz in Woffelsbach

2. Alle Bürger über 70 Jahre mit erstem Wohnsitz in Woffelsbach

Darüber hinaus können Gutscheine bis zum Vorabend des Umzugs noch bei der Bäckerei Schröder erworben werden.

– Die Verlosung

Um das Martinsfest zu finanzieren können, führt die Woffelsbacher Feuerwehr eine Verlosung durch. Diese findet immer am Tag des Umzugs im „Haus Rurseeklänge“ statt. In geselliger Runde verlost unser Löschgruppenführer in seiner gewohnt angenehmen Art Nützliches für Haus, Auto, Garten etc. ; Preise, die man bei der Bewältigung des normalen Alltags gut gebrauchen kann. Auch ein Sonderpreis wird jedes Jahr ausgelobt. Im Rahmen der Verlosung wird auch ein Würfelspiel veranstaltet. Beginn ist um 21:00 Uhr. Alle Woffelsbacher, deren Freunde und Familien sowie Gäste unseres Ortes sind aufgerufen, sich an dieser Verlosung zu beteiligen. Nur durch die finanzielle Unterstützung ist es dem Veranstalter möglich, diese Tradition in Woffelsbach im jetzigen Rahmen aufrecht zu erhalten.

Geschichte und Geschichtchen

St. Martin hat in Woffelsbach schon eine lange Tradition. Allein in den Jahren seit dem letzten Weltkrieg wurde der Aufbauplatz des Martinsfeuers mehrmals gewechselt. Aufstellplätze waren u. a. auf dem Hövel (in der Nähe des jetzigen Ehrenmals), am Krüzje besser bekannt als Dorfausgang im Bereich der Straßen Klaasfeld und Langer Weg, auf dem ehemaligen Gemeindeparkplatz am Wolfsbach (damals noch Eigentum von Nerese Pitter / Peter Breuer), auf der Anschüttung „Drachenfels“ am Eingang der Woffelsbacher Bucht (jetziges Clubgelände vom SCW-R). Heute wird das Martinsfeuer am Rurseeufer unterhalb der Uferstraße installiert. Bei sehr hohem Wasserstand des Rursees wird auf das Gelände im Bereich der Schilsbachstraße (Wiese von Walter Harth) ausgewichen. In 2010 hatten wir die Situation, dass der Wasserstand schon bedrohlich hoch war – Tendenz steigend. Man entschloss sich trotzdem, am Rurseeufer zu feuern. Das Abbrennen des Feuers gelang noch trockenen Fußes. Am nächsten Morgen (sonntags) wurden dann rasch die Reste des Brandes entfernt. Nur das Dreibein unseres Martinbockes blieb noch einen weiteren Tag stehen. Am Montag wurde auch dieses entfernt, wobei es schon teilweise im Wasser stand.

Man ist natürlich bemüht, mit dem Martinsfeuer weder die Umwelt als solches noch das Wasser des Rursees unnötig zu verunreinigen oder anderweitig zu belasten. Im Gegensatz zu den Feuern im vergangenen Jahrhundert. Hier wurde quasi Alles verbrannt, was auch brennbar war. Selbst vor alten Steg- oder Gartenzaunresten, deren Holz mit Carboneum getränkt war oder vor abgefahrenen Reifen wurde nicht halt gemacht. Es hat auch Jahre gegeben, da war es aufgrund der Wettersituation schwierig das Martinsfeuer zu entzünden. Wenn es tagelang vorher regnet bzw. schneit und das Reisig durch und durch feucht ist, muss man schon mit Hilfe der Technik etwas nachhelfen, um das Feuer zu entfachen. Es ist allerdings noch nie geschehen, dass das Martinsfeuer in Woffelsbach nicht zum Abbrennen gebracht wurde.

 „Stömmeln“

Um die Feuerwehr bei der Gestaltung des Feuers zu unterstützen wurde bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts noch „gestömmelt“. Wir Kinder gingen durch den Ort, ausgerüstet mit Boller- oder Leiterwagen (bei entsprechender Schneedecke auch mit Schlitten) und sammelten Brennbares für das Martinsfeuer. Man zog von Haus zu Haus und sang:

„Stömmelche, Stömmelche für et Mätesfür“ – Stömmelche gleich Stümpchen oder Kleinigkeit

Wurde die Bitte erhört, so sang man:

„Wir danken für die Gaben, die wir empfangen haben“

Wurde allerdings nichts gespendet sang man den Reim

„Dat Huus, dat steht op enem Ben und mitze sitz der Jiezhalz dren; Jiezhals, Jiezhals, Jiezhals“

Als Gabe oder Brennbares wurden folgende Sachen gerne gesammelt bzw. gespendet: Stroh oder Heu (in Form von Garben – die Garbenform diente seinerzeit neben dem Bocken als Art der Trocknung von Heu auf dem Felde), Brennmaterial (Anstochreisig oder Besenginster); später kam dann auch noch Papier und Kartonagen hinzu.

Zur Unterhaltung der Gäste wurde in den 70er und 80er Jahren während der Verlosung an Stelle des heutigen Würfelspiels eine lebende Gans „amerikanisch“ versteigert. So wurde die Veranstaltung unterhaltsam und finanziell aufgewertet und der Gewinner bekam dann zu Weihnachten eine gut gemästete Weihnachtsgans; natürlich ausgenommen und gerupft.

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